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Gedanken zum Palmsonntag, 5. April 2020

Komm Herr Jesus, sei unser Gast ...

Wie oft haben wir diesen Anfang des Tischgebets in unserem Leben schon gehört und auch selbst gebetet? Vor 2000 Jahren hat ein Mann diesen Satz buchstäblich wörtlich genommen und hat Jesus in sein Haus eingeladen. Es war der Pharisäer Simon.

Wer Jesus einlädt, kann sich auf allerhand gefasst machen. Komm, Herr Jesus, sei unser Gast – das klingt harmloser als es ist. Jesus kommt selten allein, er ist und isst selten allein.

Jemanden zum Essen einladen oder zum Essen eingeladen werden, das ist ja nicht nur im Orient mit seiner sprichwörtlichen Gastfreundschaft ein Zeichen von Gemeinschaft, Freundschaft und Zuneigung. Und Gespräche bei Tisch verlaufen anders, ausführlicher, genussvoller als wenn man sich bloß auf der Straße trifft, im Büro oder im Treppenhaus.

So wie Jesus damals lebt, ist er darauf angewiesen, immer wieder zum Essen eingeladen zu werden. Er hat keinen festen Wohnsitz, kein regelmäßiges Einkommen. Er setzt darauf, dass es Leute gibt, die ihn einladen, und er fährt damit ganz gut.

Der Einladende ist Pharisäer. Ihm ist es ernst mit seinem Glauben, und er versucht, diesem Glauben entsprechend zu leben. Er ist keiner von denen, die zwar Herr, Herr sagen, aber nicht bereit sind, Gottes Willen auch zu tun. Er hat gemerkt, dass ihn das mit Jesus verbindet, und er sucht seine Gemeinschaft. Jesus hat Aufsehen erregt mit seinen Worten und Taten; ein großer Prophet ist unter uns aufgestanden, heißt es von ihm, ein eindrucksvoller Lehrer.

Der Gastgeber will nicht nur Jesus etwas Gutes tun und ihn unterstützen durch seine Einladung, er erhofft sich auch für sich selbst etwas von dieser Begegnung. Weil er selbst danach strebt, das Wort Gottes nicht nur zu hören, sondern auch zu tun, kann er nur lernen von diesem Lehrer und ist gespannt auf die Worte dieses Propheten. Propheten sind Menschen, die die Gabe haben, das Wort Gottes zuzuspitzen aufs Jetzt und Hier, Gottes Willen konkret und aktuell aussagen können. Wer also diesen Willen tun will, dem kann gar nichts besseres passieren, für den kann es kaum was wichtigeres geben als ein Gespräch mit diesem Propheten.

Jesus ist also gekommen und hat sich zu Tisch gesetzt - oder wahrscheinlicher - wie es damals üblich war - gelegt. Da passiert etwas Unvorhergesehenes. Eine Frau kommt herein. Sie ist offenbar stadtbekannt als Sünderin, ist berüchtigt. Sie kommt einfach. Auch sie hat von Jesus gehört, auch sie hat große Erwartungen an ihn. Sie hat erkannt, dass eine Begegnung mit Jesus ihr Leben ändern wird. Und vielleicht ist das auch schon geschehen in dem Moment, da sie eintritt, an Jesus herantritt.

Eine Flasche mit Salböl bringt sie mit. Sie beginnt zu weinen. Mit dem Strom ihrer Tränen wäscht sie Jesus die Füße, die müden und staubigen Füße eines Mannes, der immerzu unterwegs ist. Mit ihren Haaren trocknet sie die Füße, küsst sie und salbt sie schließlich mit dem Öl, das sie mitgebracht hatte. Eine fast stumme Szene, zärtlich, anrührend, voller Liebe.

Jesus lässt sich diese Berührung ruhig gefallen. Er zuckt nicht zurück, tröstet nicht, fragt nicht. Sein Gastgeber ist eher peinlich berührt: eine Sünderin berührt diesen Mann und küsst ihm die Füße. Wenn dieser wirklich ein Prophet wäre, denkt Simon, dann müsste er erkennen, was für eine Frau das ist, die ihn da berührt. Ein Prophet, lässt sich nicht blenden oder täuschen, auch nicht schmeicheln. Die Begegnung zwischen dieser Frau und Jesus wird für den Gastgeber zum Test, ob es sich bei Jesus tatsächlich um einen Propheten handelt, von dem zu lernen ist: blickt er durch? Oder ist er naiv und blind?

Auf etwas ironische Art stellt sich Jesus diesem Test. Er ruft ihn bei seinem Namen und erzählt ihm ein Gleichnis: Zwei Menschen werden Schulden erlassen, dem einen eine kleinere, dem anderen eine beträchtliche Summe. Beiden fällt ein Stein vom Herzen, aber ein unterschiedlich großer. Wer von den beiden wird den großzügigen Geldgeber mehr lieben? Jesus scheut sich nicht einzuräumen, dass Liebe durchaus auch materielle Motive hat, und er scheut sich auch nicht, Liebe zu quantifizieren: beide lieben ihn, aber einer liebt mehr. Simon antwortet: Der, dem mehr geschenkt wurde. Und nun klingt Jesus wirklich wie ein Lehrer, der mit seinem Schüler höchst zufrieden ist: du hast recht geurteilt.

Und dann kommt er direkt zur Sache und spricht Simon direkt an: Ich bin in dein Haus gekommen; du hast mir kein Wasser für meine Füße gegeben; diese Frau aber hat meine Füße mit Tränen benetzt und mit ihren Haaren getrocknet. Du hast mir keinen Kuss gegeben; diese Frau aber hat, seit ich hier bin, nicht abgelassen, meine Füße zu küssen. Du hast mein Haupt nicht mit Öl gesalbt; sie aber hat meine Füße mit Salböl gesalbt. Deshalb sage ich dir: Ihre vielen Sünden sind vergeben, denn sie hat viel geliebt.

Er macht ihm keinen Vorwurf, zeigt nur auf, wer von den beiden ihn mehr liebt und schließt daraus dem Gleichnis entsprechend, wem mehr geschenkt wurde. Jesus hält nichts davon, pauschal einfach zu sagen: alle Menschen sind Sünder und bedürfen der Vergebung – als käme es dann auf unsere konkreten Untaten und auch auf ihr Ausmaß gar nicht mehr an. Er schaut genau hin, und beschreibt die Situation.  Jesus will aber auch nicht, dass es Simon neidisch wird. Er will Simon zur Mitfreude motivieren, ihm vermitteln, worauf es wirklich ankommt und ihn so auch mitbefreien.

Erst nach diesem langen Werben um Simon spricht Jesus die Frau selbst an: deine Sünden sind dir erlassen. Dein Vertrauen hat dich befreit, fügt er hinzu – ihr Zutrauen zu ihm, ihre vorbehaltlose Hingabe hatte diese befreiende Wirkung. Und schließlich: geh in Frieden. Friede mit Gott und mit den Menschen, zufrieden mit dem eigenen Leben – statt Unruhe, Elend, Zerschlagenheit und Zerrissenheit.

Wer Jesus einlädt ins eigene Haus, ins eigene Leben, der muss sich auf allerhand gefasst machen. Er muss damit rechnen, dass er andere mitbringt, auch höchst fragwürdige Gestalten. Aber das muss uns nicht belasten, bedrücken, beunruhigen. Jesus schafft es, uns zu öffnen, uns distanzierte, zugeknöpfte, kühle Beobachter zur Mitfreude, zur Mitbefreiung zu verführen: zur Liebe. Komm, Herr Jesus, sei unser Gast, mach uns frei, mach uns neu, mach uns lebendig.

Amen.

Ich wünsche Ihnen allen Gottes Segen. Gott möge Ihnen Kraft geben, die schwierigen Zeiten durchzustehen aber auch die guten Seiten des Lebens zu erkennen und sich darüber zu freuen.
Laden Sie IHN ein – an Ihren Tisch: „Komm Herr Jesus, sei Du unser Gast“!

Ihre Diakonin Gabi Neumann-Beiler

 

Gebet:
Auf dem Weg in die Karwoche begleiten wir Dich, den wir glauben:
Du bist, was wir brachen!
Du bist, was siegen wird!
Du bist, was bleiben wird!
Hilf uns hoffen.
Hilf uns vertrauen.
Hilf uns einander da zu sein. Amen

Der Predigttext für den Palmsonntag, 5. April: Lukas 7,36-50.
Die Begegnung Jesu mit der Sünderin

Jesu Salbung durch eine Sünderin Es bat ihn aber einer der Pharisäer, mit ihm zu essen. Und er ging hinein in das Haus des Pharisäers und setzte sich zu Tisch.
Und siehe, eine Frau war in der Stadt, die war eine Sünderin. Als die vernahm, dass er zu Tisch saß im Haus des Pharisäers, brachte sie ein Alabastergefäß mit Salböl und trat von hinten zu seinen Füßen, weinte und fing an, seine Füße mit Tränen zu netzen und mit den Haaren ihres Hauptes zu trocknen, und küsste seine Füße und salbte sie mit dem Salböl. Da aber das der Pharisäer sah, der ihn eingeladen hatte, sprach er bei sich selbst und sagte: Wenn dieser ein Prophet wäre, so wüsste er, wer und was für eine Frau das ist, die ihn anrührt; denn sie ist eine Sünderin.
Jesus antwortete und sprach zu ihm: Simon, ich habe dir etwas zu sagen. Er aber sprach: Meister, sag es! 41 Ein Gläubiger hatte zwei Schuldner. Einer war fünfhundert Silbergroschen schuldig, der andere fünfzig. Da sie aber nicht bezahlen konnten, schenkte er's beiden. Wer von ihnen wird ihn mehr lieben?
Simon antwortete und sprach: Ich denke, der, dem er mehr geschenkt hat. Er aber sprach zu ihm: Du hast recht geurteilt.
Und er wandte sich zu der Frau und sprach zu Simon: Siehst du diese Frau? Ich bin in dein Haus gekommen; du hast mir kein Wasser für meine Füße gegeben; diese aber hat meine Füße mit Tränen genetzt und mit ihren Haaren getrocknet. Du hast mir keinen Kuss gegeben; diese aber hat, seit ich hereingekommen bin, nicht abgelassen, meine Füße zu küssen. Du hast mein Haupt nicht mit Öl gesalbt; sie aber hat meine Füße mit Salböl gesalbt. Deshalb sage ich dir: Ihre vielen Sünden sind vergeben, denn sie hat viel geliebt; wem aber wenig vergeben wird, der liebt wenig. 48 Und er sprach zu ihr: Dir sind deine Sünden vergeben. Da fingen die an, die mit zu Tisch saßen, und sprachen bei sich selbst: Wer ist dieser, der auch Sünden vergibt? Er aber sprach zu der Frau: Dein Glaube hat dir geholfen; geh hin in Frieden!

Die Bibel nach Martin Luthers Übersetzung, revidiert 2017,
Textteile von Dr. Matthias Loerbroks, Berlin

 
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